François Roca (Bilder) und Fred Bernard (Text):

Jesus Betz.

Aus dem Französischen von Werner Leonhard.

Hildesheim: Gerstenberg 2002.

ISBN 3-8067-4963-9.
32 Seiten.
18,00 €.

Ab 5 Jahre.

 

 

Was kann aus mir werden, wenn ich ohne Hände geboren werde, ohne Arme, ohne Beine? Wie kann ich „Die Beine in die Hand nehmen“, wie „Die Hände in den Schoß legen“? Selbst „Däumchen drehen“ geht nicht. Ich bin angewiesen auf andere.

Freak sein

 Ein ungewöhnlich großes Buchformat sagt: Dies Buch ist besonders.

Dies Buch ist besonders. Nicht nur, weil sich Text und Bildseite jeweils abwechseln. Nicht nur, weil François Roca in seinen Bildern seine Qualität von großem Wieder-Erkennungs-Wert zeigt. Es ist auch das Thema, das wieder einmal sehr neu ist. Jesus Betz erzählt selbst, gerade so, als würde der sich bei uns im Zimmer befinden und berichten.

Um 1900 geboren, Vater unbekannt, der Bruder wird normal geboren. Jesus hat keine Arme und keine Beine, aber er kann singen. Der Pfarrer ist erbost, denn Jesus heißt man nicht, wenn man nicht einmal Arme und Beine zum Kreuzigen hat. So wird Jesus für fünf Jahre Ausgucker auf einem Walfisch-Jagdschiff. Das ist kurz vor dem ersten Weltkrieg 1914.
Auf dem Fischmarkt trifft ihn Mamamita, und es wird ein echtes Glück. (Kennt jemand die Szene in Bernard Süßkind’s Parfüm? Hier wird die Situation wunderbar umgekehrt.) Es ist die Zeit der „freaks“ auf den Marktplätzen, und Jesus gehört dazu und Pollux und seine Mamamita, bis sie wegen ihres Übergewichts vorzeitig stirbt.

Immer wieder werden, unvermittelt, Geschichtsdaten eingestreut: „Am 5. April landen 70000 japanische Soldaten in Wladiwostok.“ Und dann lernt er „Suma Katra“ kennen, in die er sich unsterblich verliebt. Suma Katra ist stumm, aber sie versteht seinen Gesang und lebt von da an mit ihm zusammen, Die Assoziation zu ihrem Namen (Kamasutra) ist leider plump und der Geschichte unwürdig. Denn hier handelt es sich um eine Liebe um ihrer selbst willen. Die kann Jesus auch dokumentieren, wenn er bei der Trapeznummer vom Fuß seiner Geliebten getragen aufrecht singt und die Zuschauer / Zuhörer ihr Gesicht aufmerksam den beiden zuwenden.

Jesus schrieb den im Buch abgedruckten Text seiner Mutter, nachdem er ihn seiner Freundin diktierte. Das ist sehr eindringlich.

So sind die Bilder auch, vielleicht noch mehr. Roca schickt das Licht immer von vorn unten. Da werden die Personen angehoben, erhöht. Die, die erniedrigt werden sollen, neigen ihren Kopf ins Licht. Das verschärft die Absicht, sie dämonisch zu machen, sie zu entlarven. Die Guten schauen nach oben, heben ihren Kopf mit dem Licht. Ihre Mundfalten zeigen, wie es um sie steht. Nur der Schatten darf Jesus Beine geben. Nur Elefanten dürfen die Augen gesenkt halten und den Kopf geradeaus. Sie träumen.
Monster und Monströse dürfen das nur, wenn sie mit ihren Geliebten allein sind. Jesus zum Beispiel mit Suma.
Oder dies schrecklich schöne Bild, wo Jesus zwischen alle den noch kleineren bis zu dem Riesen auf der Trommel platziert ist. Da läuft schon mal ein kleiner Schauer über den Rücken. Was denkt Jesus, was bewegt ihn?
Letztlich nur eine Sache: Seine Mutter soll ihn lieben. Das trifft uns, denn nach Mutterliebe sehnen wir uns. Alle.