Hannes Binder (Bilder) und Lisa Tetzner (Text):

Die Schwarzen Brüder.

Düsseldorf: Sauerländer bei Patmos 2002.

ISBN 3-7941-4900-9.
144 Seiten.
19,90 €

Ab 12.

 

Nicht mal 150 Jahre ist es her, als Tessiner Familien aus Not ihre zwölf- oder dreizehnjährigen Söhne nach Mailand verkaufen, wo diese wie auf einem Sklavenmarkt an Kaminkehrer verkauft werden. Lebenserwartung?

Roberto verkauft seinen Sohn

Wir sind im Gebirge. Die Gegend der Welt ist zunächst unklar, wir könnten in  Südamerika sein oder im Himalaja. Mutter und Sohn haben sich auf dem steilen Hang in schwindelnder Höhe festgebunden, um Gras mit der Sichel zu schneiden. Gute Almweiden sind nichts für die Ärmsten der Armen.

Am Abend fragt ein finsterer Geselle im Dorf nach Roberto: „Gib mir deinen Jungen mit nach Mailand. Du erhältst 30 Franken.“ Dieses Jahr kann Vater abwehren, aber nächstes Jahr ist der wieder da, und Mutter hat sich das Bein gebrochen, braucht einen Arzt. Giorgio verlässt den Tessin, die Berge, geht nach Mailand. Obwohl der Abwerber von den Jungen nach dem Kentern des Bootes über den Lago Maggiore gerettet wird, erweist er sich nicht als dankbar. Die Kinder werden an Kaminkehrer weiterverkauft.

Gehalten wie ein Sklave, eingesperrt, wenig Essen, damit er nicht dicker wird und in die Essen der Kamine klettern kann, drangsaliert von der keifenden Ehefrau, hinterhältig bespitzelt vom Sohn – das ist Giorgios Leben ab sofort.. „Spazzacamino!“ rufen Meister und Junge auf der Straße und hoffen auf einen Auftrag.

Aber im Elend gibt es auch Hoffnung: die kranke Tochter des Meisters, sein Freund und Leidensgenosse Alfredo, der den Lungentod sterben wird, der Geheimclub der Schwarzen Brüder, der Arzt aus Lugano. Giorgio entschließt sich zur Flucht, als er von Anselmo bestohlen wird, und sie gelingt trotz intensiver Suche der Polizei.

Eine erschütternde Geschichte aus dem Jahr 1838, die rund hundert Jahre später von Lisa Tetzner (und Kurt Held) aufgeschrieben und jetzt in eine völlig neue Form gebracht wurde.

Binder liefert über 180 Bilder für diese Geschichte, holzschnittartig in einer Schabetechnik, schwarze und weiße Linien eröffnen Leben. Da entstehen vor unseren Augen die ganze Kraft des Gebirges und die Unerbittlichkeit des Narbigen ebenso wie die tiefe Einsamkeit des Jungen mit dem viel zu großen Handwerkszeug der Kaminkehrer.

Aber die Bilder dienen nicht nur der Illustration. Sie ersetzen ganze Text-Passagen, so dass man sich intensiver mit der inhaltlichen Aussage der Bilder beschäftigen muss, noch tiefer hineingezogen wird in eine bedrückende Geschichte mit einem versöhnlichen Ausklang. Aber auch Bildung und Fortschritt werden nicht nur positive Entwicklungen in das Tessin bringen.