Doris Dörrie (Text) und Julia Kaergel (Bilder):
Mimi.

Zürich: Diogenes 2002.

ISBN 3-257-00893-7.
32 Seiten.
14,90 €.

Ab 4 Jahre.

 

Mimi will jemand anders sein. Wenigstens für eine Weile. Was bietet sich da anderes an, als dass sie sich Anders nennt, Anna Anders. Und die ist das ganze Gegenteil von Mimi Müller.

Mimi wird Anna wird Mimi

Die beiden Müller-Eltern spielen mit, als es klingelt und draußen ein junges Mädchen steht – mit langen Haaren (eine Strumpfhose kunstvoll auf dem Kopf drapiert), einem kurzen Rock (ein verkehrt herum angezogener Pullover) und mit goldenen Schuhen, die ihr allerdings erheblich zu groß sind (Mamas). Die junge Anna ist wirklich ganz „Anders“ als Mimi: sie will gesunden Kakao und nicht Erdbeer-, sondern Aprikosenmarmelade, sie räumt gern auf, spitzt Buntstifte an, bekleidet Puppen. Und sie kennt Mimis Geheimnis, das dieser wohl sehr auf dem Magen gelegen haben muss: Mimi hat das Laken unter ihrem Kopfkissen als Leinwand benutzt. Ja gut, das Bild ist wirklich schön, aber dass Mimi ein wenig Angst vor der Schimpfe der Eltern hat, ist verständlich.
Anna, ja, die darf das Geheimnis lüften (auch wenn sie nichts sagt - hat sie Mimi versprochen - so darf sie ’s doch zeigen).
So befreit von der Last der Seele darf sie wieder Mimi werden. Und über ihrem Bett hängt jetzt ein wunderbares Bild auf einer Leinwand: ein Mädchen balanciert mit Schirm auf einem Elefanten – und zwei Erwachsene freuen sich darüber.

Julia Kaergel zeichnet wie gewohnt „gegen die Perspektive“ und lässt Imperfektionismus zur Regel werden. Realität und Vorstellungen dürfen durcheinander oder gleichberechtigt nebeneinander stehen. Vor allem dürfen Mimis Tiere überall dabei sein, sei es der Hase, der Elefant oder die Schlange am Frühstückstisch, als Äskulap am Bettpfosten, als Bilder in Paps Zeitung, seifenblasend im Zirkus. Sogar die Geschichte selbst darf in der Geschichte mitspielen. Wenn Mimi als Mimi ins Haus zurückkommt, dann sind die Blumen am Haus Krikkelblumen wie sie auf Mimis Leinwandbild vorkommen.

Je weiter fortgeschritten die Geschichte ist, desto mehr Anleihen (oder ist es eine Hommage an?) macht Kaergel bei Wolf Erlbruch, zaghaft erst sind Wolken aus Millimeterpapier geschnitten, dann tauchen Schnittmuster und Zahlenkolonnen auf vergilbtem Papier auf, ein Zentimetermaßband.

Ja, die Geschichte ist moralisch so wie es sich Eltern wünschen. Sie gibt aber auch den Kindern ein Gebrauchsmuster an die Hand, wie man evtl. eine gemachte Dummheit beichten kann ohne so richtig das Gesicht zu verlieren. Dass man dabei allerdings auch ein bisschen „Anders“ sein muss (Milch im Kakao ist gesund, komisch, dass Mimi das nicht weiß), ist Grundlage einer demokratischen Gesellschaft.

Aber so hoch wollen wir die schöne Geschichte denn doch nicht hängen.