Jana Frey (Text) und Betina Gotzen-Beek (Bilder):
Jetzt ist Schluss, ich will keinen Kuss! Lotta lernt Nein sagen.

Bindlach: Loewe 2003.

ISBN 3-7855-4489-8.
32 Seiten.
10,90 €.

Ab 04 Jahre.

 

Erziehung zum Widerspruch gibt es meist nicht wirklich: „Wenn ich meinem Kind was sage, soll es gefälligst gehorchen …“ und „Gib der Tante das schöne Händchen!“ oder „Und kein Küsschen für Onkel Heinz?“

Nein, nein, nein

Aber irgendwann soll es dann plötzlich NEIN sagen können. Nein, ich nehme Ihre Bonbons nicht! Nein, ich steige nicht in ihr Auto, ich gehe lieber zu Fuß! Nein, ich möchte nicht, dass Sie mir die Vogeltränke schenken, ich habe genug Geld dabei!
Jana Frey beginnt ihre Geschichte(n) um Lotta mit der Andeutung von etwas, das Lotta (noch) nicht verrät. Erst, als sie stark genug ist, kann sie Nein sagen und ihren Eltern alles berichten. Stark genug wird sie, weil sie beginnt, ihre Privatsphäre einzuklagen – und alle „sehen ein“, verstehen sie, versprechen Besserung und helfen ihr dabei, sich als eigene Person zu fühlen, die ihre Sache selbst in die Hand nimmt.
Zunächst sorgt sie dafür, dass nicht alle Nase lang jemand aus ihrer Familie im Badezimmer auftaucht, wenn sie gemütlich Nixe in der Badewanne sein will. Als ihre Schwester unangeklopft in ihr Zimmer stürzt, wirkt das Spiel mit ihrem Freund sehr lächerlich. Ihre Schwester sieht das Fehlverhalten ein, gemeinsam malen sie ein Schild „Bitte nicht stören!“. Als nächste Stufe wird ein Nicht-Familienmitglied überzeugt, dass Lotta nicht Hitparade spielen muss wenn sie nicht will. Und geküsst werden will sie auch nicht mehr von ihrer kusswütigen Verwandtschaft. Schwester Anna hilft ihr auch dabei. Weniger problematisch ist die nette Klavierlehrerin, Lotta behilft sich noch mit dem Trick, einen Hut aufzusetzen, aber das nächst Mal will sie es einfach sagen: „Deine Haare kitzeln immer so, wenn du dich über mich beugst.“ Die vorletzte Stufe ist erreicht, als sie gemeinsam mit den anderen Schwimmkindern dem Bademeister sagt, dass sie es nicht mehr dulden wollen, wenn er in die Umkleidekabine kommt.
Nach dieser Eskalation des Nein-Sagen-Lernens kann sie auch wieder in den Zooladen unten an der Ecke gehen. Der junge Mann, der ihr die Vogeltränke gegen einen Kuss von ihr schenken will, blitzt nicht nur ab, er verliert auch augenblicklich seinen Job.

Klasse, wie ihn Lotta stark und wütend, mit geradem Rücken und keineswegs ängstlich anschaut und der junge Mann sehr bestürzt ist! Das hat er nicht erwartet. Er weiß, dass er verloren hat – und das ist ziemlich gut so.

Viel Text, die Bilder beanspruchen nur den halben Raum, fließen manchmal in den Text hinein, denn sie gehören zur Geschichte dazu. Sie bleiben zurückhaltend, als wollten sie nicht den wichtigen Inhalt überlagern. Die Erwachsenen und älteren Kinder sind alle freundlich gehalten, hochgezogene Mundwinkel und offene Augen überwiegen.

Und weil dies nicht nur ein Thema für Kinder, sondern vor allem auch für Eltern und andere Menschen, die mit Kindern zusammen sind, ist, hat Jana Frey eine Doppelseite für diese reserviert. Hier legt sie den Erwachsenen nahe, mit Kindern das NEIN-Sagen im Alltag zu üben.

Der Weg über Stärkung des Gefühls für eine Intimsphäre, die man schützen kann, scheint nicht der schlechteste zu sein.