Olof Landström  & Peter Cohen :
Boris mit Brille.

Aus dem Schwedischen von Anu Stohner.

München und Wien: Hanser 2003.

ISBN 3-446-20259-5.
32 Seiten.
11,90  €.

Ab 04 Jahre.

 

Brille ist wie Zahnspange. Erst will man sie unbedingt haben, weil man dann ja auch groß ist, irgendwie. Dann lässt man sie aber überall liegen, verkramt sie, setzt sich drauf. Aber manchmal braucht man sie auch. Wenigstens die Brille.

Mit und ohne Sehhilfe

Der Illustrator trägt eine Brille, der Texter trägt eine Brille. Der Rezensent trägt eine Brille. Und jetzt Boris auch, denn er ist Astigmatiker. Das klingt ausgesprochen interessant. Astigmatiker ist ja fast ein Beruf! Tatsächlich bekommt Boris Arbeit, die ihm aber bald zu viel wird. Die Rolle als Kontrolleur ermüdet und schafft nicht gerade Freunde – und das Fernsehprogramm war früher auch viel besser. Boris beschließt, die Brille besser wieder abzusetzen.
Und im Etui zu lassen, wenn da nicht Gudrun wäre, die Verkäuferin im Bäckerladen. Die hatte er ja früher nie so richtig wahrgenommen, aber jetzt, mit Brille, da schlägt das Herz doch plötzlich so, als hätte die Brille eine direkte Verbindung dorthin: heftigst.

Boris ist ein Nager, ziemlich hässlich und unvorteilhaft gekleidet. Das ist nicht schlimm, denn den anderen geht es genauso. Sie alle leben mehr oder weniger wie Menschen auch leben, und sie machen Dinge wie Menschen sie tun. Es gibt sogar einen menschlichen Statisten, der am Fenster stehen darf und seinen Kaffee rühren. Trägt eine Brille. Selbstverständlich. (Könnte aber auch der Augenarzt sein, ein Nager dann also.)

Olof Landström zeichnet comichaft und gegen Schönheitsideale, aber mit dem Auge für die besondere Situation, die sich immer ein bisschen verbirgt, neben der eigentlichen Geschichte ist. Seine „Personen“ werden sympathisch dadurch, dass man sie nun schon kennt, viele Bilder von ihnen betrachtet hat. Boris ist insgesamt auf 31 Bildern zu sehen, also auf jedem (einige sind Doppelseiten, andere zeigen zwei oder drei Bilder). Bestimmt würde Gudrun, die Bäckereifachverkäuferin, uns genau so sympathisch werden. Die sehen wir aber nur fünf Mal, einmal davon von hinten.

Auf kleine Anspielungen verzichten weder Text noch Bild, man muss schon recht genau lesen und / oder schauen. Oder mehrmals. Dann entdeckt man vielleicht auch, dass der Wegweiser zum Augenarzt eine Brille zeigt und darunter einen Pfeil. Undeutlich Guckende könnten darin ein Gesicht sehen: zwei Augen, schiefer Mund. Aber das gälte nur, wenn man seine Brille nicht trägt. Wo ist meine eigentlich hingekommen?