Karoline Kehr:
Ich kann zaubern, Mami!

Hildesheim: Gerstenberg, 2003

ab 4 Jahre

Kind langweilt sich während Mutter beim Friseur unter der Haube sitzt. Für die tollsten Zaubereien erhält er jeweils das Nebenbei: „Ganz toll hast du das gemacht, mein Schatz.“ Na warte, denkt er sich.

Avantgarde

Eine typische Situation: Junge Mutter nimmt ihren Sohn mit zur Stamm-Friseurin. Der langweilt sich sofort, bohrt in der Nase, versucht, die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu erheischen, indem er vorgibt, dass er zaubern könne. Sie schaut auch kurz auf, wie er sich ein Tier auf den Kopf zaubert (einen riesigen grünen Frosch). Er fragt, ob er das gut gemacht habe, aber da liest sie bereits in der sicher sehr interessanten Zeitschrift „Haare special“.
Also zaubert er gleich noch mal: schwarzes Bild, er ist weg. „Hast du dich erschrocken?“ „Uii, das hab ich, mein Schatz.“
Die Frisur der Nachbarin inspiriert ihn zu seinem dritten Trick: Er verwandelt sich in ein zottiges Untier, vor dem alle Reißaus nehmen, so dass er das schnell ungeschehen macht. Aber rächen für die unechte Aufmerksamkeit seiner Mutter, das will und macht er dann doch noch.

Phantasie und Wirklichkeit vermischen sich; mag beim ersten Trick das Tier noch ein mitgebrachtes Stofftier sein, so sind die Tricks dann immer mehr so, als wenn sie tatsächlich stattfinden könnten. Und der Schlusstrick verblüfft dann alle, nur nicht Mutter, die merkt noch nichts von ihrer Verwandlung.

Insoweit eine recht konventionell erzählte Geschichte, in sehr wenig, je einzeiligem Text unter den Bildern abgesetzt. Auf die Bilder muss man sich erst einmal einlassen, denn sie fordern vom Betrachter ein wenig Willigkeit, sich auf die Collagen aus Foto, aufgeklebten Einzelheiten (Fön, Schere, Schaufensterplakate) und in schrillen Farben Über- und Aufgemaltes einzulassen. Dann eröffnen sich auch witzige Details, dann schaut man in die Augen der Personen und in ihre Gesichter und kann in ihnen lesen. Alle haben diesen freundlichen Blick, den pädagogische Eltern und Nachbarn für die Kinder aufsetzen - anstatt ihn zu haben.

Dann wären sie vielleicht auch nicht ratlos, ob der Kleine wirklich zaubern kann. Natürlich kann er.