Verena Ballhaus & Johann Wolfgang Goethe:
Gefunden.

Zürich: Bajazzo 2003.

ISBN 3-907588-45-2.
32 Seiten.
9,90 €.

Ab 04 Jahre.

 

 

Goethes „Ich ging im Walde so für mich hin...“ umgesetzt in eine Bildergeschichte, in der ein Buch, ein Mensch, ein Stift und eine Blume Hauptrollen spielen. Nebenrollen für einige Statisten (Sterne, Bäume, ein Garten, Kreise, Vierecke, ein Haus, ein Boot) und einen roter Faden.

Schnittblumen

Mit dem roten Faden sind die Bilder einander verbunden. Er darf ziemlich gerade quer durch das Bild gehen oder auch Schleifen bilden, dem Wald innerer Horizont sein, hinter eingeschobenen Objekten weiterlaufen, sie abgrenzen oder sie umlaufen, Fläche zu Raum machen oder zu Wasser, Treppe, (Hoch)-Haus und er darf sogar enden: in der Hauptfigur des Ichs des wohlbekannten Gedichtes.
Die Person ist geschlechtslos (auch wenn die Schleifenhaare durchaus das Wort elle bilden könnten). Sie kommt aus einem geöffneten Buch, das eine Tür bildet, hinter der ein helles Nichts zu erkennen ist. Der Schatten ist gleichwohl ebenso merkwürdig vor wie hinter den Baumstämmen des Waldes wie das Auge des Baumes, das die Situation recht gleichgültig zu betrachten scheint. Derweil geht ein gekrümmter Stift mit Strichmännchen-Beinen unterhalb der Zeichnung, schiebt sich in die Szene mit hinein.
Die Blume bringt (neben dem Faden) Rot in die Geschichte. Ihre Blüte ist ein geschwungener Strich, der sich mehrfach selbst kreuzt und somit vier geschlossene Flächen bildet, mal Ohren, mal Auge - „wie Äuglein schön“. Da dürfen die Lider der Augen der Ich-Person kleine gelbe Kronen sein, der rote Faden zwei Augen bilden und auch alle Pflanzen und fliegenden Fische Augen haben.
In fortgeschrittenem Stadium des Gedichts dürfen Buch und Stift wieder vermehrt auftreten, obwohl klar wird, wer der Held der Geschichte ist.

Eine tolle Idee, einen Klassiker derart umzusetzen. Und sehr gelungen dazu.

 

 

 

Gefunden
Johann Wolfgang von Goethe

(1749 – 1832)

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen
Da sagt’ es fein:
„Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?“

Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort,
Nun zweigt es immer
und blüht so fort.

 

Dass Goethe durchaus wohl nicht Gärtnerisches im Sinn hatte, als er dies Gedicht schrieb, sondern vielmehr eine gewisse Dame, die sich gegen eine Liebesbeziehung wehrte (... soll ich zum Welken gebrochen sein? = entehrt und aus dem gesellschaftlichen Leben verdammt), und die er 18 Jahre später ehelichte, tut dieser Interpretation durchaus keinen Abbruch.