Margaret Wild & Ron Brooks:
Fuchs.

Aus dem Englischen von Zoran Drvenkar.

Hamburg: Carlsen 2003.

ISBN 3-551-51597-2.
32 Seiten.
16,50  €.

Ab 03 Jahre.

 

 

Wenn man beim ersten Durchschauen verstört ist, ganz genau weiß, dass das Gesehene und Gelesene GUT ist, aber es dennoch nicht genau beschreiben kann, dann kann das ein Kriterium sein für SEHR GUT.

Der Verführer

Der einäugige Hund rettet die flügelgebrannte Elster aus dem Feuer des Waldes. Sie ist fortan sein scharfer Blick, er bemüht sich, sie durch die Welt zu tragen, ihr Flügel zu sein. Sie bleiben zusammen, bilden symbiotisch ein neues Wesen und sind wieder glücklich.
Doch dann kommt der Einsame, der Fuchs, der das Glück der beiden voller Neid betrachtet und auf eine Trennung sinnt, auf ein Unglück, das seinem eigenen gleicht. Er „züngelt zwischen den Bäumen hindurch wie eine Flamme – und Elster erzittert.“ Drei Mal muss er ihr einflüstern, dass die wahre Gemeinschaft doch ganz anders ist, bis sie ihm erliegt, sich von ihm in die „heiße, rote Wüste“ bringen lässt, wo er sein wahres Gesicht zeigt: „Jetzt werden du und Hund begreifen, was es heißt, wirklich allein zu sein.“
Eine schreckliche Vorstellung, wenn die Geschichte hier schließen würde. Sie endet erst einige Seiten später: „Langsam, mühselig hüpfend, macht sie (die Elster) sich auf den langen Heimweg.“

Eine sehr bekannte und doch sehr anrührende Geschichte. Man erliegt dem Verführer, um anschließend zu erkennen, was man aufgab. Leichtfertig. Nichtzufriedensein mit dem, was man hat. Es muss doch mehr geben!
Im Buch wird nicht weiter verfolgt, wie lang denn der Rückweg ist, wo denn das Heim ist, ob der Hund dort überhaupt warten wird.
 

Wir sprechen von einem Bilderbuch.
Wie rettet ein Hund eigentlich einen Vogel aus einem brennenden Wald? Er kann die Elster nur in seinem Maul transportieren – das sieht im Bild schon einmal sehr merkwürdig anders aus, nach Gefressen werden nämlich. Umso versöhnlicher der erste Text nach diesen flammenroten Bildern.
Ron Brooks übermalt, schabt, benutzt Ölkreide und Spachtel, Kamm und Collage, umrahmt mit schwarzen Linien, färbt nach und erzeugt trotz aller Hektik eine erstaunliche Ruhe. Er fügt die handgeschriebenen Texte in typisch britischer Diktion ein (ein Lob dem Layouter / Übersetzer / „Lettering: Dirk Rehm“ nennt der Verlag). Überschneidend, mal links sich hochschreibend, mal in das Bild drängend. Bild und Text bilden eine Einheit, ergänzen sich, bilden Spannungsbögen.
Braun ist vorherrschend nach dem Feuer. Die schwarzen Linien gliedern die Bilder oft vertikal, so dass Hund plus Elster lang gestreckt hindurchschweben, fliegen können, bis der rote Fuchs die Farbe des Feuers aufgreift.
In seiner ersten Versuchung trennt der Text nicht nur Hund und Elster, sondern auch den Fuchs selbst, der sich sodann zurückzieht auf seine Augen (Margaret Wild nennt sie im Original „haunted“) und viel Schwarz in der Höhle. Der Text spricht von einem „Geruch nach Zorn und Neid und Einsamkeit“.
Das wird lebendig, wenn Fuchs und Elster, klein und unscheinbar fast, in die Wüste hinein fliegen, fast dreißig Grad im Steigungswinkel – und es endet sehr schwarz: links der rote Fuchs, rechts unten die Elster, dazwischen der starke Textblock, einmal zerrissen..
Jetzt weiß es die Elster schon, nachdem sie es kurz zuvor wohl ahnte: So einen Fehler macht man nicht häufig in seinem Leben, vielleicht nur einmal, um ihn kurz bedauern zu können. So schwarz ist ihr Teil des Bildes.
Aber die Sonne, das gelbe Rot weckt sie auf.
Sterben? Viel zu leicht! Ich muss zurück! In diesem Moment ein bildlicher Rückblick in eine dunkle Höhle, in der – vielleicht - der Hund wartet. Dann beginnt die Elster, den langen Weg zurück zu humpeln.
Kann man also Fehlentscheidungen doch rückgängig machen?
Kann man Versucher erkennen und ihnen mehr als zwei Mal sagen, dass seine Einlassungen völlig uninteressant seien? Was mag ihn bewegen, den Verführer? Ist er verwundet wie die beiden anderen – nur schlimmer?
Was macht der Verlassene? Hält er seine Arme weit auf, wenn Elster zurückkehrt?

Man wird mit diesem Buch niemanden abhalten, nicht doch auf den Verführer zu hören, aber man kann Mut geben, dass es einen Weg zurück gibt. Vielleicht wenigstens.

 

Kinder ab vier Jahre können mit der Geschichte etwas anfangen, jüngere auch mit den Bildern. Man kann sie aber nicht allein lassen damit. Vielfältig kann man sie nachspielen, indem man zu zweit drei Rollen spielen muss. Das ist je neu und schafft ganz viel eigenen, bisher nicht erkannten Raum. Vor allem beim Rollenwechsel.

 

Margaret Wild lebt seit 1972 in Australien und ist dort eine der bekanntesten Kinderbuch-Autorinnen. Sie hat über 40 Bücher für Kinder geschrieben, nicht alle sind Bilderbücher.
Ron Brooks ist Australier. Er malt, schafft Skulpturen, arbeitet als Designer, Graphiker, lehrt Kunst und Design und er illustriert Bilderbücher. Mit „Fox“ hat er sich von Margaret Wild herausgefordert gefühlt. Sie habe die Textform zerbrochen, er müsse bildlich antworten.
Beide haben in den letzten Jahren mehrfach miteinander gearbeitet (Old pig, Rosie and Tortoise, beide bei Allen & Unwin erschienen, die auch Fox im Jahr 2000 herausgaben).

Ron Brooks gewann zweifach (1974 und 1978) den Children’s Book Council of Australia Picture Book of the Year Award, vergleichbar mit dem Deutschen Jugendliteratur-Preis, Margaret Wild 1990. 1997 stand sie mit The midnight gang (Omnibus books) auf eben dieser Auswahlliste.