Jutta Richter & Susanne Janssen:
An einem großen stillen See.

München Wien: Hanser 2003.

ISBN 3-446-20333-8.
64 Seiten.
14,90 €.

Ab 04 Jahre.

 

 

 

14 Engel um mich herum bewachen mich in der Nacht – die bedrängen ganz schön, oder? Das Lied aus Humperdinck’s Hänsel und Gretel ist Ausgangspunkt für ein Geschichte- / Gedicht- und Bilderbuch besonderer Art.

Schutzengel können auch stören

14 Engel in 12 Gedichten (Möwen- und Taubenengel treten immer nur als Paar auf) werden zunächst immer im gleichen Schema vorgestellt: einer einleitenden einseitigen Geschichte folgt ein Gedicht mit Bild und diesem eine Bild-Doppelseite.
 Die Geschichte erzählt zunächst in zwei Strängen von einem Kind und einem Mann, denen gemein ist, dass sie des Nachts nicht schlafen mögen, da die Nacht „groß und schwarz und ewig lang“ ist. „Im Dunkeln hat niemand ein Gesicht. Und wer kein Gesicht hat, den kennt man nicht“.
Beide lernen sich kennen, denn der Geschichtenerzähler, dem die Langsamkeit verloren ging, fährt per Bahn zu dem Kind. Und schon bald vermögen sich die beiden gegenseitig so zu stärken, dass sie die erste späte Nacht schlafend verbringen können. Beide akzeptieren die Engel und deren Aufgaben, weil der eine Zeit hat zum Erzählen und die andere Zeit zum Zuhören.
Die Texte füllen je eine Seite, wenig Text ist groß gedruckt, eventuell auch gestaltet (zentriert, in der Größe je angepasst, verändert, verlaufend), viel Text hat ein kleineres Format. Das schafft einerseits Unruhe, andererseits aber auch Ausgeglichenheit, da die Seite gefüllt ist.
Die Gedichte sind gereimt (was ihnen inhaltlich mehrmals schadet) und folgen zudem nicht immer einem Sprechrhythmus, es sei denn, man spräche sie wie auf eine Melodie mit Auftakten und Pausen und wechselnden Tonlängen. Schade, denn dieser Teil trübt eine tolle Geschichte mit traumhaften Bildern.

Die sind nämlich von Susanne Janssen, machen immerhin fast 50 % des Buches aus (Bilderbuch) und sind gewohnt ungewohnt in Bildaufbau und Malstruktur. Wieder treten Personen auf, die durch schräg gelegte Köpfe bei erwachsenen Betrachtern „Debilität“ assoziieren. Dazu kommen mehrfach collagenhaft eingefügte Häuserfronten im Stil der Renaissance. Vorherrschend sind jedoch Menschen als Schmetterlinge, als Träumer, als Forscher, fast immer deutlich introvertiert: Was kümmert mich die Welt? Was kümmert mich auch die Geschichte? Ein Bild zeigt etwas, das „jetzt“ geschieht, friert eine Situation ein, deutet gegebenenfalls eine Vergangenheit und ein Danach an.
Die Geschichte? Die erzählt am Schluss der Mann. Er beginnt seine, wie auch die Geschichte von Jutta Richter begann – vielleicht wird sie auch ähnlich enden, unendlich, in sich kreisend.

Selbstverständlich ist dies ein Bilderbuch für Erwachsene und ältere Kinder (denen das Bilderbuch-Lesen vielleicht erst wieder beigebracht werden muss). Für jüngere Kinder bleiben Bild und der Inhalt, dass durch Langsamkeit Schlaf von ganz allein kommt – ohne dass hier etwa Langeweile angedeutet werden soll.

Ein rundweg tolles Buch, wenn doch bloß nicht diese Gedichte wären.