Michael Dudok de Wit:
Vater und Tochter.

Aus dem Niederländischen von .Arnica Esterl.

Stuttgart: Freies Geistesleben 2003.

ISBN 3-7725-2238-6.
32 Seiten.
13,90  €.

Ab 03 Jahre.

 

 

Ein erfülltes Leben liegt hinter der Frau, die sich zum Sterben in das alte Boot legt. Es ist das Boot, mit dem ihr Vater einst hinausruderte um nie wieder zurück zu kehren. Leben – Tod – Leben – Tod – so ist der Kreislauf.

Leben-Tod Tod-Leben

Holland ist ein flaches Land, karg. Die Linien fliehen zum tiefen Horizont, der Deich ist die höchste Erhebung. Die Kanäle werden von hohen Pappeln gesäumt. Wolken türmen sich, Kumulus. Die Menschen sitzen sehr aufrecht auf ihren reduzierten Fahrrädern, werfen lange Schatten. Der Wind saust das Haar rechtwinklig vom Kopf weg. Seen werden trockengelegt, um neuen Lebensraum für die Menschen zu schaffen.
Genau so malt, zeichnet Michael Dudok de Wit: Wenige Linien, klarer Horizont, so tief, dass sogar die wenigen Menschen über ihn hinwegragen. Brauntöne überwiegen – als wären es alte Fotos, die Schatten sind schwarz. Ansonsten viel Weiß, ein Mantel darf blass hellblau sein, Kostüm und Rock ebenso, damit die Zuordnung der Person gelingt.

Die Person, das ist das Mädchen. Sie radelt mit ihrem Vater, sieht ihn auf dem Meer fort rudern, wartet. Doch der Vater kehrt nie zurück. Man sieht das Mädchen älter werden, es heiratet, hat selbst Kinder. Und als es Zeit wird, kehrt sie zu der Stelle zurück, wo einst ihr Vater sie verließ. Die See ist längst verlandet, und sie kann trockenen Fußes sich in das alte Ruderboot legen um zu sterben. Der Text sagt: „Sie fühlt, es hat sich etwas verwandelt.“ Und im nächsten Bild sieht man, wie eine junge Frau in genau dem gleichen blassblauen Rock und Pullover der alten läuft, um den Vater zu umarmen, der sich ihr genähert hat.

Der Kurzfilm „Father and Daughter“ erhielt 2001 einen Oscar für den besten Kurz-Animationsfilm. Ihm folgt dieses Buch. Ebenso wie in einem Film sind die ersten (drei) Bilder dem (Schmutz-) Titel vorangestellt, beginnen sogar schon auf dem Buch-Innendeckel. Das führt zusammen mit dem scharfen Schnitt (um in der Filmsprache zu bleiben) und dem fast dahin geworfenen kurzen Text dazu, dass sich nicht sofort ein Handlungsstrang beim Betrachter einstellt. (Anmerkung: Es führte dazu, dass beim Rezensenten nach dem ersten, zugegebenermaßen etwas flüchtigen Blick der Eindruck entstand, das Buch sei versehentlich falsch geheftet ...)
Falls sich ein ähnlicher Eindruck bei potentiellen Käufern einstellen sollte, so wären sie um ein sehr gutes Buch gebracht, das den Kreislauf von Leben und Tod ernsthaft behandelt ohne dabei sentimental zu werden.

Tod als Abschluss eines Zeitabschnitts.