E.T.A. Hoffmann & Lisbeth Zwerger:
Nussknacker.

Neu erzählt von Susanne Koppe.

Mit einer CD: Tschaikowsky: Nussknacker. Bearbeitet für Oboe und Harfe.

Gossau Zürich: Neugebauer bei Nord-Süd 2003.

ISBN 3-85195-292-8.
32 Seiten.
18,80  €.

Ab 06 Jahre.

 

 

In 12 großformatigen Bildern plus einigen Illustrationen „erzählt“ die Künstlerin, was Susanne Koppe nach ETA Hoffmann im Text nach-erzählt und Gert Haucke auf der CD nach-spricht (wenn man nicht selbst lesen mag, sondern sich lieber auf Bild und Musik konzentrieren will).

Nussknacker & Mäusekönig

Die Musik der CD beschränkt sich auf zehn Themen aus Tschaikowskys Nussknacker, bearbeitet und hervorragend spärlich instrumentiert für Oboe (sehr passend) und Harfe (eine eher ungewöhnliche Symbiose, aber ausgesprochen stimmig dargeboten): zwölf Mal 30 bis 90 Sekunden.

Falls die Geschichte nicht bekannt sein sollte, hier eine kurze Inhaltsangabe: Das junge Mädchen hat um die Weihnachtszeit offensichtlich Fieberträume, jedenfalls verschmelzen Geschenke, besorgte Eltern und Gäste mit ihren Fieberträumen, so dass letztlich nicht mehr deutlich ist, was Wirklichkeit ist und was Fiebertraum. Der ihr geschenkte Nussknacker kämpft gegen den siebenköpfigen Mäusekönig. Sie hält mit unverbrüchlicher Liebe zum Nussknacker, erlöst ihn von einem Fluch und wird seine Prinzessin.

Der Text ist in der Tat stark gekürzt, bearbeitet, damit nichts fehlt, dass die Geschichte gebrochen wäre. Das Original umfasst immerhin ca. 22 eng beschriebene DIN A-4 Seiten. Susanne Koppe erzählt stimmig, ohne sprachlich sich all zu weit von E.T.A. Hoffmann zu entfernen.

Wenn Lisbeth Zwerger den Nussknacker zum zweiten Mal bebildert, dann muss sie Neues im Sinn haben und der Stoff sie offensichtlich nicht los lassen. Sie illustriert unter dem Text auf der linken Seite, die rechte bleibt allein ihrem ganzseitigen Bild überlassen. Dieses scheint in der Mehrzahl nur sehr andeutungsweise mit dem Text verbunden, stellt oft andere Dinge in den Vordergrund. Das beginnt mit dem Baumschmuckbild, in welchem der Nussknacker vorgestellt wird, Marie ziemlich groß doch deutlich im Hintergrund steht und der größte Teil des Bildes mit etwas Blass-Grünem gefüllt wird, vor dem alte Weihnachtsbaumschmuck-Teile ziemlich zusammenhanglos eingefügt sind, sich jedoch fast auf den Nussknacker ausrichten. Vor allem der farblich stärkste Überraschungsbonbon zeigt auf ihn. Und obwohl Marie wie ein wohl erzogenes Mädchen die Augen senkt, so senkt sie sie doch genau auf ihn, den Nussknacker (das Bild ist zugleich Titelbild).

Jedes der Bilder verdiente eine ausführliche Besprechung dieser Art, Interpretationen der Uhrzeit, Hell-Dunkel-Kontraste, Überhöhung durch Schatten. Plötzlich ein Bild aus der Welt der Wirklichkeit: Marie im Bett, matt, während Obergerichtsrat Drosselmeier sie aufzumuntern sucht, dicht gefolgt von ihrem Bruder Fritz, der sich aber (weil er seine Schwester zuvor erheblich neckte) hinter diesem versteckt. Mutter lehnt fast hilflos im Türrahmen, ein (Märchen?) Buch in der Hand. Dann versinkt Marie offensichtlich wieder in ihre Träume: braune Bilder mit Bild und Krakulaturen wie Mäuse, Kreise, Texte in Sütterlin, gezogene Zähne.

Ein großes Feld für Interpretationen oder Nach-Empfindungen, die man im Deutsch-, Religions- oder Kunst-Unterricht behandeln kann – oder einfach mögen. Wie schön kann ein Buch auf einem Tisch oder einem Notenständer sein, dem man täglich (?) eine Seite weiter wendet und sich je erfreut.
Das ganze Buch ist so gestaltet - sogar bis in die Fadenheftung hinein, die an zwei Stellen ihre Farbigkeit beweisen kann. 

Ein Buch zum Liebhaben, Aufheben, Angucken, Weglegen, Hervorholen.