Mel Steingröver:
Gretchentage

Berlin: Schall & Rauch 2009

www. schallundrauch-verlag.de

ISBN 978-3-9810748-2-6
52 Seiten * 28,00 €

 

 

 

 

Mit viel Aufwand und Liebe zum Detail hat die Autorin Szenen aufgebaut, in denen die Puppe mit Namen Grete Rakete agieren darf. Erik Steingroever hat diese Installationen fotografiert. Zumeist füllt Grete Sprichwörter aus, indem sie sie wörtlich nimmt (im selben Boot sitzen / die Welt Kopf stehen lassen / von seiner Schokoladenseite zeigen usw.).
Ein ungewöhnlich großes und aufwendiges Buch im Querformat.

Puppe und Sprichwort

Es gibt so viele Anspielungen auf die Welt der Erwachsenen, dass man nicht so genau weiß, für wen das Buch hergestellt wurde. Das beginnt mit dem Titel, der sehr nach „Gretchenfrage“ klingt, und die kennen wir aus Goethes Faust – eindeutig kein Kinderbuch. Aber auch das Wörtlichnehmen von Sprichwörtern ist nur dann witzig, wenn man die Sprichwörter und ihre Bedeutungen kennt, um dann praktisch im Rückgriff ihnen die übertragenen Bedeutungen wieder zu nehmen. „Grete Rakete“ ist nicht nur ein Reim, sondern eventuell auch hier ein Hinweis auf einen der großen Fotografen aus Deutschland.

Den querformatigen Fotos auf der einen Seite ist fast immer ein gestalteter Text auf der anderen, einfarbig unterlegten gegenübergestellt. Ihn begleiten Laute aus der Welt des Comics (uih! – hoppla! – simsalabim! – pumpf! usw.), vielleicht um auf die besonders gestalteten Mittelseiten hinzuweisen, die eine vierseitige Fotogeschichte im Stil der „Bravo“ zeigt, ohne sich allerdings an deren Inhalt zu versuchen. Auch hier eine Aneinanderreihung von Sprichwörtern: Grete geht einen Schritt zu weit und lehnt sich ganz schön weit aus dem Fenster. Dann läuft ihr die Zeit davon. Schnell noch reinen Tisch gemacht und (alles) unter den Teppich gekehrt.

 

Diese Kritik hat die eigentliche Arbeit ganz und gar nicht verdient, denn jede Szene ist ausgesprochen liebevoll und detailgenau hergestellt worden. Als Raum dient oft eine Puppenstube, in der eine Unmenge an Gegenständen des täglichen Alltags herumliegen – vom Gemüseeinkauf über die kitschige Wanduhr bis zum Treppenvorleger, der aus einem Polstererband hergestellt wurde. Nicht immer ist ganz klar, welchen Anteil eventuell das Bearbeiten der Fotos mit dem Computer hat, um zum Beispiel den Hintergrund hineinzu„schummeln“ oder ein Fahrrad im Ständer zu verkleinern, damit es zu Grete passt. Nach Auskunft des Verlags liegt man mit solch einer Vermutung daneben, denn offensichtlich gibt es (fast)  a l l e s  in der Größenordnung von Grete - auch wenn man wohl "ein bisschen" danach suchen muss.

(Die Puppe) Grete ist ein echter Typ: schwarze Haare wie von einem Handfeger, zwei schwarze Rechtecke als Augen, runde Nase und große, abstehende Ohren, die allerdings meist hinter den mühsam gebändigten Haaren nicht sehen kann. Ganz süße kleine Chucks mit dicken Schnürsenkeln (natürlich nicht gebunden) und ebensolche gefilzte, genähte odergestrickte Kleidungsstücke kennzeichnen Grete als Person von heute. Mitspielen darf auch der Hund („Herr Pielok“) und Anna, später auch Paula, Rocco, Lilla und andere – in einer Art Abspann werden die Personen noch einmal vorgestellt. Interessanterweise heißen Autorin und Fotograf im Nachnamen fast gleich, einer schreibt seinen Umlaut allerdings international.

 

Ein tolles Buch, über das sowohl der Rezensent als auch seine Bekannten mehrmals mehr als Schmunzeln mussten und die vielen Ideen und fleißige Arbeit bestaunten. Kindergartenkinder fanden das Buch allerdings weniger interessant (und sehr ungünstig im Format) – und die, die es auch toll finden könnten, befinden sich gerade in dem unglücklichen Alter, in dem man sich dem Bilderbuch entwachsen fühlt. Später wird das wieder anders, aber dann bekommt man so selten Bilderbücher geschenkt. Dies wäre sehr zu empfehlen.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en